Luftsportverein Backnang-Heiningen e.V.
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Montag, 6. Februar 2012
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50 km - Flug von Heiningen Drucken E-Mail

Es ist 14:00 Uhr Ortszeit, die Sonne steht hoch am Horizont und lässt in der warmen, feuchtlabilen Luft große, mächtige Quellwolken entstehen. Einen Versuch habe ich schon unternommen, doch war ich zu angespannt, zu fixiert auf den Gedanken, dass ich die Thermik erwischen muss. Folglich erwischte ich das Steigen nicht richtig und eine falsche Schlussfolgerung beendete den Flug nach kaum 10 Minuten wieder.

Ka 6 am Start
Ka 6 am Start

Doch jetzt bin ich gelassener. Ich merke, dass es mir es verbocke, wenn ich zu angespannt und unter Hektik fliege. Da vor mir, steigt plötzlich ein Bussard in spiralförmigem Steigflug hunderte von Metern hoch. Ich weiß, das ist meine Chance.

Das Seil wird eingeklingt und die Winde lässt mich auf 370 m GND mühelos steigen. Nach kurzem Suchen finde ich den Bart. Er hebt mich sacht, doch zügig auf 1350 m. Was für ein Beginn. Ich bin optimistisch und fliege Richtung Ebersburg, um außerhalb von Luftraum D bis an die Wolkenuntergrenze zu steigen. Angekommen an einer kleinen Wolkenanhäufung fliege ich entlang bis die in die Jahre gekommene Ka-6 sich steil nach oben hebt. Die Thermik ist schnell richtig zentriert. Sie saugt mich fast in sich hinein und ich steige unbekümmert bis knapp an die Wolkenuntergrenze bei etwa 1700m. Puhh, das wäre geschafft. Jetzt weiterfliegen Richtung Osten. Hoffentlich ist der Schwäbische Wald nicht zu überentwickelt. Ich fliege weiter und unter mir offenbart sich ein beeindruckendes Naturspiel – es bildet sich ein farbenprächtiger Regenbogen.

Doch die Gedanken sind schon beim nächsten Aufwind. Auf Höhe von Fornsbach finde ich erneut Steigen, wenngleich nicht so stark. Doch das ist nicht so tragisch denke ich. Vielmehr der wolkenlose Himmel, direkt auf Kurs, lässt mich nachdenklich werden. Ich entschließe mich entweder auf Gerhard zu warten, um gemeinsam die Durststrecke zu überbrücken oder eine erreichbare, wohlgeformte Wolke anzusteurern. Im Süden sieht es plötzlich gut aus, doch beim Anflug löst sich der Cumulus rasch auf. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob dieses Gebiet schon außerhalb Luftraum D liegt. Ich fliege zurück und schraube mich erneut zur Basis, die hier nur bei etwa 1550 m liegt. Gerhard ist noch ein gutes Stück zurück, da entdecke ich eine vielversprechende Wolke in etwa 15 km Entfernung.

Ich überlege und erinnere mich an eine Theorie von Wallington. Er berichtete, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Bart in eine alte, tote Steigzone hineinentsteht höher ist, als in die umliegende absinkende Luft. Ich weiß, das ist meine Chance und fliege mit allem Mut aus 1500 m Höhe ab. Eine zerfederte Wolke, aus der feiner Niederschlag auf das empfindliche Profil der Ka-6 fällt, beängstigt mich. Ich umfliege das Gebiet leicht und erreiche die erspähte Wolke. Das Gelände ringsum sieht landbar aus. Das beruhigt mich. Als ich im Steigen unter der Wolke Höhe gewinne, fällt mir ein Stein vom Herzen. Ellwangen rückt in greifbarer Nähe. Ich beobachte die Gewitterwolken im Norden. Riesige Wolkenmauern von schwefelgelber Farbe zeichnen sich am Horizont während ihre Spitzen in Eiswolken diffus verlaufen. Was für ein Anblick. Ich bereue den Foto vergessen zu haben.

Doch wie ich in den Gedanken schlummere, achte ich nicht auf das Vario und verliere den Bart. Zu meinem Glück ist schnell ein neuer gefunden und trägt mich sachte auf 1600m. Ich gehe endlich weiter auf Westkurs und erkenne zu meiner Begeisterung ein weißes, großes Umspannungswerk. Ich schaue weiter nach Südosten und breche in Euphorie aus. Kaum 10 km entfernt erhebt sich eine beeindruckende, majestätische Kirche – da ist Ellwangen. Ich fliege zur nächsten Wolke und kurbel mich gemächlich weiter hoch. Der Aufwind wird schwächer, ich müsste ein bisschen verlagern. Doch diese Zeit spare ich mir und fliege zu einer Wolkenanreihung, die mich bis auf 1750 m steigen lässt. Jetzt entdecke ich die Ellwanger Stauseen und hinter einem Waldstück liegt der Flugplatz.

Mühelos gleite ich dorthin und es überkommt mich ein sehr zufriedenes Gefühl, als der Logger zur Bestätigung kurz piepst. Gerhard fliegt zwischen Aalen und Ellwangen. Ich werde ihn abfangen und mit ihm zusammen den Heimflug antreten. Nachdem ich mich wieder auf über 1750 m hochgekurbelt habe, treffen wir uns über der Autobahn. Gemeinsam gleiten wir zu einer vielversprechenden Wolke und finden gutes Steigen, das uns auf fast 2000m hebt. Auf Kurs liegt eine Wolke die nicht allzu gut aussieht, trotzdem fliegen wir sie nach meiner Entscheidungswahl an, den direkt westlich von ihr, stehen gutausgebildete Cumuli. Die erste Wolke bringt wie erwartet kaum Steigen.

Gerhard schlägt vor, nach Süden zu, einer hochaufgetürmten Wolke zu fliegen. Ich überlege, weshalb wir nicht die folgenden Wolken auf Kurs ansteuern, schließe mich jedoch ihm an, um nicht den Anschluss zu verlieren. Gemeinsam fliegen wir nach Süden ab, doch das Resultat ist enttäuschend. Aus der Wolke fällt Niederschlag. Schleunigst wenden wir und fliegen nun doch die vorher auserspäten gut ausgebildeten Cumuli an. Der Aufwinkern der Wolke zieht uns nach oben. Ich kreise rechts ein, doch Gerhard in 100m über mir kreist bereits links. Ich entschließe mich die Drehrichtung anzupassen und verliere dabei die Thermik. Ich ärgere mich, Gerhard zu der nichtsbringenden Wolke gefolgt zu sein und jetzt auch noch das Steigen verloren zu haben. Mühsam und leicht gefrustet fliege ich die Wolke ab, während ich abwechselnd auf Gerhard und das analoge Variometer blicke. Das elektrische habe ich nicht eingeschalten.

Ich verstehe nicht, wo ist der Steigkern? Gerhard versucht mich hilfsbereit zu dirigieren, doch das bringt leider nicht viel. Ich bin verwirrt, da wir den ganzen Tag unterhalb von 1000 m variable Windrichtungen gemeldet hatten und ich deshalb nicht weiß, ob ich östlich oder westlich von Gerhard suchen soll. Mir geistert in den Gedanken herum, dass die beste Steigzone der Wolken zudem allmählich von Ost auf die Westseite wechselte. Irgendwo muss der Bart doch sein. Da, ein kleiner Ruck, die linke Fläche hebt sich leicht und ich kreise ein. Geschafft, ich hab einen guten Meter Steigen. Gerhard ist inzwischen schon deutlich höher gestiegen, doch ich bin froh, wieder Anschluss gefunden zu haben. Meter für Meter kommt die Basis näher. Endlich bin ich auf 1800m zurück und folge Gerhard auf einer Wolkenstraße. Stärkstes Steigen versucht mich in die grauen, furchterregenden Wolkenfetzen zu ziehen. Ich fliege bereits 150 km/h, doch die Ka-6 steigt weiter. Ich habe keinen andere Wahl und ziehe die Bremsklappen. Was für ein Gefühl.

Ein paar Kilometer vor mir, fallen starke Schauer nieder. Ich versuche zwischen zwei hindurchzufliegen, denn ein Umfliegen wäre ein großer Umweg und die Höhe müsste bis nach Heiningen reichen. Doch der Wind treibt den Regen auch über mich. Schnell sehe ich mich umschlossen von Regen. Anfangs sind die Fallwerte noch bei 1 m/s, doch erhöhen sich schnell auf 2-4 m/s. Ich sehe keinen anderen Ausweg mehr, als diese Gebiet schnellstmöglich zu durchqueren. Es dauert jedoch etliche Kilometer und viel Höhe, bis ich in eine ruhigen, aber toten Luft das Sonnelicht wieder erblicke. Ich erschrecke mich, das Gebiet sieht hier unten so fremd aus, habe ich mich etwa verflogen? Am Horizont erkenne ich den Kahlschlag neben dem Horbachhof. Ich bin noch weiter weg, als gedacht.

In anbetracht meiner Höhe treffe ich die endgültige Entscheidung auf dem Welzheimer Platz zu landen oder gegebenenfalls auf einem der vielen flachen Äcker etwas nördlich des Segelfluggeländes. Billigend muss ich dafür weitere Regenfälle in Kauf nehmen. Das Vario zeigt jetzt 3-4 m/s Saufen an. Zum Flugplatz ist es zu knapp. Ich lege mich auf einen bewachsenen Acker fest und lege den Gegenanflug über den Wald. Jetzt nur immer schnell fliegen und die Ruhe bewaren, doch für Panik habe ich überhaupt keine Zeit. Im Übergang zum Queranflug greift mich eine Turbulenz und die Geschwindigkeit geht auf 80 zurück. Ich drücke nach und rase mit 100 auf das Außenlandefeld zu. Der Regen prasselt nur so auf meine Ka-6. Die Bremsklappen werden voll gezogen und ich fange zügig ab. Der Holzflieger hungert allmählich aus und setzt ruhig und sachte auf dem Acker auf. Na also, geschafft. Hat doch gut geklappt. Allmählich hört der Regen auf. Weit im Osten höre ich noch ein paar Donnerschläge.

Doch das Abenteuer geht weiter. Anschließend helfen mir zwei hilfsbereite Welzheimer Segelflieger, die Ka-6 hinter ihrem Jeep auf den Flugplatz zu ziehen. Unsere lange Reise beginnt. Quer über Wiesen, vorbei an Äckern, sogar quer über einen Fußballplatz, wo ein paar verdutzte Gesichter überrascht auf das Segelflugzeug schauen, führt unser Weg. Angekommen auf dem Segelfluggelände werde ich sofort nach Hause geschleppt. Wir durchqueren noch einen letzten Schauer, bevor ich zum Gleitflug auf Heiningen ansetze.

Ich überfliege wieder und wieder alle Stationen noch einmal im Zeitrafer und erkenne allmählich, welches Abenteuer der Streckenflug birgt. Ich merke, dass ich eigentlich besser hätte sein können, wenn ich schneller Entscheidungen getroffen hätte und konzentrierter und effizienter an manchen Stellen gekurbelt hätte. Teilweise habe ich vielleicht getrödelt und falsch entschieden, doch aus Fehlern lernt man. Und mit wachsender Erfahrung, die man sich einfach in der Praxis erfliegen muss, werden auch die Strecken und die Durchschnittsgeschwindigkeiten wachsen.

Langsam wird es Zeit zur Landung, die Ka-6 gleitet die Schleppstrecke entlang und setzt mit einem kurzen Ruck auf dem leicht durchnässten Gras auf.

Sven Killinger 

 
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