Luftsportverein Backnang-Heiningen e.V.
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Montag, 6. Februar 2012
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600 km – Dreiecksflug Drucken E-Mail

Es ist Samstag, der 2. August 2003. Ich stehe bereits um viertel nach sieben auf, um mich zügig zu waschen und anschließend das Segelflugzeug für einen anstehenden Streckenflug aufzumontieren. Draußen ist es relativ frisch, das Gras ist nass vom Tau, doch ein Blick zum wolkenlosen Himmel lässt einen freudig stimmen. Die Fliegerfreunde aus Welzheim sind auch schon wach. Zusammen fahren wir zu den Hängern und rüsten die Flugzeuge auf. Das zieht sich hin. Nach und nach kommen immer mehr. Bald stehen an die 20 Flugzeuge mehr oder minder startklar am Ende der Rollbahn.

Nach einem deftigen Frühstück wird schon etwas von Strecken jenseits der 500er Marke gemunkelt. Es stellt sich später beim Briefing heraus, dass ich mit zwei weiteren „Streckenflugschülern“ und einem Trainer zusammen ein 535 km Dreieck in Angriff nehmen werde.

Geplant ist nach dem Start in Oppingen/Au zuerst die Schwäbische Alb entlang zum Kirnbergsee zu fliegen, dann nach Norden den Schwarzwald entlang, vorbei an Pforzheim bis in den Odenwald nach Buchen. Dort soll gewendet werden um dann nach Monheim und abschließend wieder vorbei an Aalen nach Oppingen zu fliegen. Immerhin, der Wetterbericht kündigt gute bis sehr gute Thermik an. Prinzipiell also ideale Bedingungen. Trotzdem blicke ich dem Vorhaben gespannt und nervös entgegen. Schnell wird der „Discus“ noch mit 60 Litern Wasser gefüllt und die Strecke in den Logger (Gerät, welches den Flug aufzeichnet) einprogrammiert. Um 11:00 Uhr zeichnet sich bereits einige leichte Wolkenentwicklungen am Horizont ab.

Jetzt ist es Zeit zu starten. Die erste Gruppe wird innerhalb kurzer Zeit von zwei Schleppmaschinen auf gut 600m Höhe befördert. Alle haben sofort Thermikanschluss – eine wichtige Voraussetzung. Nun sind wir an der Reihe. Das Schleppseil wird ausgezogen und eingeklinkt. Ich freue mich auf einen interessanten Streckenflug. Die Schleppmaschine zieht mich zügig an. Wir heben spät ab, doch 5 Minuten später Kreise ich bereits unter einer Wolke. Schnell kommen die anderen nach und wir treffen uns nach ein paar Kilometern auf selber Höhe. Jetzt kann es also los gehen. Das Wetter hat sich prächtig entwickelt. Wir können es uns leisten, nur Steigwerte über 1,5 Metern/Sekunde anzunehmen. Schnell kommen wir voran. Die Basis (Wolkenuntergrenze) liegt bei knapp 2000 Metern. Bald sind wir vorbei an Albstadt und fliegen Richtung Donaueschingen.

Unter einer Wolkenanreihung kommen uns einige Streckenflieger entgegen. Die Alb ist um diese Uhrzeit bereits dicht beflogen. Man muss vorsichtig sein, nicht in die Wolken gezogen zu werden, das wäre bei einer so hohen Flugzeugdichte gefährlich. Nach kurzer Zeit ist der Kirnbergsee in Sicht – unsere erste Wende. Wir umrunden den See nach und nach und finden erneut gutes Steigen im Schwarzwald. Das Gelände ist hier deutlich höher. Über St. Georgen finden wir in 1500m zum Glück wieder einen Pulk mit Segelflugzeugen. Nach Norden sieht es blau aus. Nur vereinzelt zeichnen sich Wolken am Horizont. Man erkennt jedoch Dunstglocken, also Gebiete wo nur ein wenig Wasser kondensiert. Unter ihnen finden wir ebenfalls Steigen. Es geht weiter. Die Aufwindstärke ist hier nicht so überragend. Doch nördlich von Freudenstadt kreisen zwei Holzflugzeuge. Dort steigt es mit durchschnittlich 3,5 m/s. So macht das Spaß!

Weiter geht es Richtung Pforzheim. Vor dem Übergang in den thermisch schlechteren Kreichgau „tanken“ wir noch einmal kräftig Höhe. Wir fliegen jetzt etwas langsamer und schön gestaffelt, damit wir eine möglichst große Fläche abdecken und somit die Chance auf bessere Aufwinde erhöhen. Es ist eine wahre Pracht mit 4 „Discus“ zusammen im Team lautlos entlang zu gleiten. Immer wieder finden wir Aufwinde zwischen 1 und 2 m/s. In der Ferne begrüßt uns schon der Odenwald mit prächtig entwickelten Haufenwolken. Diese sollen uns nicht enttäuschen. An der zweiten Wende geht es mit 3 m/s wieder steil nach oben. Wir preschen mit knapp 200 km/h die Wolkenstraßen entlang. Teilweise „klebt“ das Variometer bei Vollausschlag (5 m/s) nahezu fest. Sobald es so stark steigt nehmen wir die Geschwindigkeit zurück, d.h. wir ziehen den Knüppel und fliegen nach oben, um möglichst lange das tolle Steigen mitzunehmen. Im Fallen wird wieder Geschwindigkeit aufgenommen. Man nennt dies auch Delphinflug. Schnell kommen wir voran. Unter einer größeren Wolke werde ich heftig mit 4 m/s in die Höhe „katapultiert“. Ein geniales Gefühl. Die Wolkenbasis steigt zudem an. Bis schätzungsweise 2200 m.

Wir merken bald, dass wir einfach zu schnell sind und wollen das Dreieck vergrößern. Als dritter Wendepunkt wird Beilngries gewählt. Links von uns sehe ich bereits den Brombachsee im Altmühltal.  Das Wetter enttäuscht uns wahrhaftig nicht. Schnell erreichen wir unser Ziel. Durch eine kurze Unaufmerksam beim „Pinkeln“ (Anm. Für gewöhnlich pinkelt man beim Fliegen in Gefrierbeutel oder ähnliches, die dann abgeworfen werden. Viele andere Möglichkeiten gibt es nicht), verliere ich gegenüber den anderen ca. 50-100 m. Ich werde nervös. Der Wolkenabstand ist groß. Zudem erwischen die anderen die Aufwinde noch besser. Jetzt muss ich konzentriert bleiben, um nicht den Anschluss zu verlieren. Zu allem Überfluss gibt mein Funkgerät jetzt auch noch den Geist auf.

Die anderen fliegen weiter. Wohl oder übel muss ich mit ihnen gleich auf bleiben, wären sie früher in besserem Steigen, würde ja die Differenz noch größer werden. Aufwind für Aufwind kommen ich wieder näher. Einige Kilometer weiter, sind wir alle wieder gleich auf. Wir gleiten vorbei am Nördlinger Ries. Man erkennt gut, dass  hier ein Meteorit eingeschlagen haben muss. Weiter geht es. In der Nähe von Heidenheim ersteigen wir unsere letzten Höhenmeter. Der Endanflugrechner zeigt +500m über Gleitpfad an. Das müsste genug Reserve sein. Zu viert fliegen wir Richtung Flugplatz Oppingen/Au. Die Vollendung unserer Aufgabe scheint sicher zu sein. Was für ein Gefühl. Damit hätte ich nie gerechnet. Ich könnte platzen vor Freude.

Immer näher kommen wir an den Flugplatz heran. Unser Trainer meldet uns über Funk zur Landung an. Wir öffnen unsere Wasserventile und nehmen erheblich an Geschwindigkeit auf. Wir schießen nacheinander mit 250 km/h tief über den Flugplatz und ziehen anschließend steil zur Seite weg. Die g-Kräfte pressen einen in den Sitz – was für ein angenehmes Gefühl. Nacheinander beginnen wir mit der Landeeinteilung. Das Fahrwerk wird ausgefahren, die Bremsklappen gezogen. Sanft setzt der „Discus“ nach dem Ausschweben wieder auf dem Flugplatz auf. Ich kann es anfangs gar nicht begreifen. Damit hätte ich wirklich nie gerechnet.

Was für ein Tag! 

Sven Killinger

 
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